Nahrungsergänzungsmittel: gesund oder schädlich?

Nahrungs-ergänzungs-mittel: gesund oder schädlich?

Sind Nahrungsergänzungsmittel gesund oder gar schädlich? Dieser Beitrag erklärt die Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln und beleuchtet die Vor- und Nachteile der Einnahme.

Nahrungsergänzungsmittel werden von Ärzten und Apothekern für den Erhalt unserer Gesundheit empfohlen.

Doch sind sie in ihrer Wirkung nützlich oder gar schädlich?

Es ist wissenschaftlich einwandfrei nachgewiesen, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht ohne Risiken und als Gesundheitsvorsorge gänzlich ungeeignet sind.

Wann ihre Einnahme trotzdem von Nutzen sein kann und worüber wir uns bewusst sein sollten, erklärt dieser Beitrag.

Bild: Portrait Felix Lösch - www.quicklebendig.ch

Über den Autor

Felix Lösch ist ärztlich geprüfter Gesundheitsberater GGB. Seit vielen Jahren begeistert er Menschen unabhängig von wirtschaftlichen Interessen für eine gesunde, genussvolle und vitalisierende Ernährung. Seine Ernährungstipps setzt er selbst Tag für Tag um. Dadurch kann er andere Menschen bei der praktischen Anwendung optimal unterstützen.

1. Mangel an Vitalstoffen

Ich werde im Rahmen meiner ganzheitlichen Ernährungsberatung oft nach dem Nutzen der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln gefragt.

Häufiger Grund der Frage: ein bei einem ärztlichen Routine-Check-up festgestellter Mangel. Dabei liegen die gemessenen Parameter der Blutuntersuchungen unter den Normwerten.

Dies ist oft eine logische Folge der Fehl- bzw. Mangelernährung mit industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln. Auch wenn viele Menschen überzeugt sind, dass sie grundsätzlich nur sehr wenig verarbeitete Nahrungsmittel zu sich nehmen. Nach meiner Beobachtung ist den meisten Menschen das Ausmass dieser Verarbeitung nicht mehr bewusst.

Aus laborchemischer Sicht liegt also ein Mangel an bestimmten Nähr- bzw. Vitalstoffen vor, der durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel behoben werden soll, bzw. müsse, um die Gesundheit zu erhalten. Die häufigsten Vitalstoffmängel in westlichen Gesellschaften sind: Vitamin D (eigentlich ein Hormon), Vitamin B1 und B12 und Eisen.

Anstatt also die Ursache der Mangelerscheinung zu beheben, d. h. die Lebensweise bzw. Ernährung umzustellen, werden Symptome mit Nahrungsergänzungsmitteln behandelt.

Der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln beschert der Pharmaindustrie traumhafte Gewinne. Nach Angaben des Lebensmittelverbandes Deutschland e.V. wurden in Deutschland im Jahr 2018 ca. 225 Millionen Packungen dieser Präparate verkauft!

Es ist der Werbeindustrie innerhalb der letzten zehn Jahre gelungen, viele Menschen von der Notwendigkeit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zu überzeugen. In den USA konsumiert bereits jeder dritte Einwohner täglich Nahrungsergänzungsmittel. Dies in der Überzeugung, die Gesundheit zu stärken.

2. Wissenschaftliche Studienergebnisse

Ergebnisse wissenschaftlicher Studien weisen nun aber übereinstimmend nach: “Nahrungsergänzungsmittel sind ohne Nutzen für die Primärprävention” (Primärprävention bedeutet im engeren Sinne Vorsorgemassnahmen, um nicht krank zu werden).

Eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie, bei der Daten von 290’000 Teilnehmern ausgewertet wurden, kommt zum Fazit: “Die Einnahme von Vitamin C, D, K, Magnesium-, Selen- oder Zinkpräparaten ebenso wie Omega-3-Fettsäurekapseln hat keinen positiven Einfluss auf die Vermeidung von Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden und bewirkt keine Lebensverlängerung.”

Das bedeutet, dass die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln keine Massnahme zur persönlichen Gesundheitsvorsorge bzw. –erhaltung oder Leistungssteigerung ist. Bei ein paar wenigen Menschen zeigen sich geringfügige positive Effekte der Nahrungsergänzungsmittel-Präparate, die jedoch gegen die Risiken abgewogen werden sollten. Denn Nahrungsergänzungsmittel sind nicht harmlos. So sollten sie nicht als willkürliches Supplement der Gesamternährung genutzt, sondern wie bei jedem anderen Medikament nur nach genauer und individuell gestellter Diagnose unter Einbezug der möglichen Risiken eingesetzt werden.

3. Potentielle Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln

Nahrungsergänzungsmittel sind keine inerten Stoffe, also Stoffe ohne (Wechsel-) Wirkungen. Sie können somit eine schädigende Wirkung auf den menschlichen Organismus haben. In einigen Studien wurde z. B. festgestellt, dass bei Überdosierung von Vitamin-A-Präparation (> 25 000 IE/Tag) sich das Krebsrisiko erhöhte und die Einnahme beta-carotinhaltiger Nahrungsergänzungsmittel bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko steigerte.

Bild: Nahrungsergänzungsmittel

Dazu kommt, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln oft verschiedene Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente gemischt werden (Multi-Präparate), so dass es zu einem sogenannten Symbiose-Effekt kommen kann. Der Symbiose-Effekt beschreibt, wie die unterschiedlichen Stoffe zusammenwirken und sich möglicherweise gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken, abschwächen oder gänzlich aufheben. Über diesen Symbiose-Effekt gibt es kaum Studien, da sie sehr aufwendig und damit teuer wären.

4. Können Nahrungsergänzungsmittel ungesunde Ernährung ausgleichen?

Nach meiner Erfahrung führt diese Frage zu wenig hilfreichen Rückschlüssen. Denn die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln als Ausgleich für eine ungesunde Ernährung setzt nicht an der Ursache an und vermittelt uns ein falsches Gefühl von Sicherheit.

Wäre es nicht sinnvoller, sich so zu ernähren, dass genügend Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Enzyme, ungesättigte Fettsäuren, Aroma- und Faserstoffe, also alle Vitalstoffe, in unserer Nahrung enthalten sind? Die Vitalstoffe finden wir in natürlichen und unverarbeiteten Lebensmitteln, wie sie uns die Natur in grosser Vielfalt präsentiert. Nahrungsergänzungsmittel können diese Vielfalt und Wirkungsweise nie ersetzen.

5. Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln

Es gibt Situationen, in denen die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln aufgrund eines erhöhten Bedarfs an Vitalstoffen sinnvoll sein kann.

Beispielsweise bei konsumierenden, auszehrenden Krankheiten oder bei durch Verletzungen oder Operationen längerfristig immobilen Zuständen, in denen es nicht möglich ist, ans Tageslicht zu kommen.

In individuellen, durch einen Arzt diagnostizierten Einzelfällen kann es bei spürbaren Mangelerscheinungen (z. B. Abgeschlagenheit, permanenter Müdigkeit, Muskelkrämpfen, usw.) sinnvoll sein, in Verbindung mit auffälligem Blutparameter, vorübergehend die Symptome durch die gezielte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zu beheben.

Langfristig ist es aber wichtig, die Ursachen für den Mangel zu erkennen und gezielt durch Änderung der Lebensweise zu beheben.

Bild: Rohkostpizza belegt mit Pesto, Tomaten, Champignons und Peperoni.

Dafür empfehle ich eine vitalstoffreiche Vollwerternährung mit hohem Rohkostanteil, frei von Industriezuckerarten, frei von Produkten aus Auszugsmehl und ohne industriell hergestellte Fette. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies, unsere Nahrung so natürlich wie möglich zu essen. „Natürlich“ heisst, unsere Nahrung möglichst unverarbeitet und naturbelassen zu geniessen. „… wie möglich“ legt nahe, dass es nicht immer passend ist, sich ausschliesslich von Rohkost zu ernähren ;-).

6. Vitalstoffgehalt heutiger Lebensmittel

Unbestritten weisen unsere heutigen Nahrungsmittel nicht mehr die biologischen Wirkstoffe (Vitalstoffe) auf, die für eine nachhaltige und langfristige Gesunderhaltung nötig wären. Der Grund: eine von Profit getriebene agrarwirtschaftliche Produktion und die industrielle Verarbeitung.

Nahrungsmittel (100 Gramm) Nährwert 1948 1991 Rückgang
Äpfel
Vitamin C
25 mg
5 mg
80 %
Spargel
Calcium
25.8 mg
10 mg
61.2 %
Bohnen
Protein
19.2 mg
2.3 mg
88 %
Broccoli
Magnesium
160 mg
29 mg
81.9 %
Karotten
Beta-Carotin
25000 iu
91 iu
99.96 %
Kartoffeln
Eisen
2 mg
0.5 mg
75 %

Quelle: C.S.I.R.O.

Ich möchte jedoch davor warnen, diesen Mangel mit Nahrungsergänzungsmitteln auszugleichen. Aus meiner Sicht ist es sinnvoller, unsere Lebensmittel von bio-dynamisch arbeitenden landwirtschaftlichen Betrieben und lokalen Bioläden/Märkten zu beziehen und unsere tägliche Nahrung selbst frisch zuzubereiten. Das wäre echte Vorsorge. Denn echte Vorsorge ist die Sorge vor der Sorge und bedeutet, jeden Tag etwas für unsere Gesundheit zu tun. 

7. Fazit

Vitamin- und Mineralstoff-Mangelzustände haben Ursachen. Diese können durch eine Veränderung der Lebensgewohnheiten, insbesondere hinsichtlich der Ernährung, weitestgehend behoben oder vermindert werden. Bei Menschen, die sich vitalstoffreich vollwertig ernähren, sich sportlich betätigen und sich regelmässig im Freien bewegen, ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht notwendig. Vorausgesetzt die verzehrten Lebensmittel besitzen eine hohe biologische Qualität und Wertigkeit (DEMETER/Bioland Produkte oder vergleichbare Qualität).

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist eine rein symptomatische Behandlung, keine kurative. Es gibt aber durchaus Situationen (auch bei einer vollwertig-vitalstoffreichen Ernährung), in denen vorübergehend eine Substitution von Vitaminen und anderen Nährstoffen sinnvoll und hilfreich sein kann. Dazu bedarf es aber einer vorhergehenden ärztlichen Indikationsstellung.

Nahrungsergänzungsmittel unkontrolliert und in dem Glauben einzunehmen, damit eine gesundheitliche Prävention zu erzielen, ist nicht nur unwirksam, sondern kann möglicherweise negative Folgen für unsere Gesundheit haben.

Quelle: Der Gesundheitsberater, März 2020, Beitrag von Dr. Michael Krause